Das traditionelle japanische Wohnhaus

"...Since residential architecture is the most honest, because the most unconscious, expression of a people's temperament, ideals, and intellect, a study of the Japanese dwelling will provide a more profound insight into the character of the Japanese nation and the formative factors in her cultural growth."

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Obwohl es in Japan je nach Klimazone, Region und gesellschaftlicher Stellung der Bewohner unterschiedliche Wohnhaustypen gab, gibt es doch einige Auffälligkeiten an Japanischen Wohnhäusern, die fast allen gemeinsam sind. Das traditionelle Japanische Wohnhaus unterscheidet sich grundlegend von einem Europäische Wohnhaus. Das Europäische Haus soll Schutz vor dem rauhen Wetter bieten und besteht aus massiven Wände aus Stein. Das Japanische Haus soll zunächst Schutz vor dem Regen bieten, aber auch im Sommer genügend Durchlüftung erlauben. In Japan gibt es zu den 4 Jahreszeiten noch eine Regenzeit und eine Taifun-Zeit. Die Temperatur unterscheidet sich nicht wesentlich von denen in Südeuropa, aber die Luftfeuchtigkeit ist in den Sommermonaten sehr viel höher. Durch die hohe Luftfeuchtigkeit empfindet man Wärme und Kälte sehr viel extremer als in Europa. Um so erstaunlicher ist es, daß die Japaner ihre Wohnhäuser nur für die relativ kurze Zeit der Sommermonate optimiert haben.

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Bei dem traditionellen Japanischen Wohnhaus werden zuerst die Außenwände und das Dach errichtet, und dann erst die Innenwände. Da das Japanische Haus eine Art Holzrahmenkonstruktion besitzt, hat es keine massiven Außenwände, sondern zumeist Schiebewände. Das Haus kann also zu jeder Zeit geöffnet werden, und so entsteht ein leichter Übergang zwischen Außen und Innen.

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ENGE
Mit zunehmender Enge in den Städten entstanden Gärten, die auf engem Raum einen kleinen ästhetisch sehr ausgefeilten Mikrokosmos darstellten. Im Inneren werden die Raume durch Schiebetüren gebildet. Mit diesen Schiebetüren können die Raume frei und flexibel gestaltet werden. In Japan waren die Wohnverhältnisse schon immer sehr beengt und das ist bis heute so geblieben. Deshalb sind die Räume in traditionellen Japanischen Wohnhäusern meist funktionsfrei. Ein Raum wird erst zum Schlafzimmer, wenn die aufrollbaren Futons in der Mitte des Raumes ausgebreitet werden.

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LEERE
Es gibt so gut wie keine Möbel in den Räumen, alle Sachen werden entweder in Wandschränken oder unter dem Fußboden verstaut, so das ein freier multifunktionaler Raum entsteht. Die Tatami Matten, nach deren Größe sich die Räume richteten, waren ein idealer Untergrund zum Sitzen, Schlafen und Gehen.

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SCHLICHTHEIT
In Japan ist über Jahrhunderte eine Ästetik der Schlichtheit entstanden, die in der westlichen Welt erst im Zusammenhang mit der Moderne gesellschaftsfähig wurde. Viele alte Japanische Wohnhäuser, aber auch z.B. der Katsura Palast entsprechen heute der Modernen Ästhetik. Bis zum Ende des letzten Jahrhunderts wurde das Volk in Japan von der herrschenden Schicht unterdrückt und in Armut gehalten, wobei aber selbst die herrschende Schicht für europäische Verhältnisse relativ arm war, was eine Kultur der Schlichtheit zur Folge hatte.

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Stützgebälk:
Das Dach ist zwar das wichtigste Element in der Japanische Architektur, aber es wird gehalten von einem Stützengebälk. Das Stützgebälk hat keine Aussteifung, was dazu führte, daß die Anschlußpunkte zwischen Sparrenwerk und Stütze eine große Bedeutung bekamen. Die Anschlußpunkte waren Zapfen-Nut-Verbindungen, deren Herstellung hohes handwerkliches Geschick erforderten. Beim Tempelbau wurden diese Verbindungen zudem noch künstlerisch überhöht, um die Bedeutung der Anschlußpunkte hervorzuheben.

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Fundament:
Die Stützen des Hauses ruhen auf einem Stein der ein wenig in den Boden eingelassen ist. Die Stützen werden so vor Feuchtigkeit geschützt. Außerdem stellte sich heraus, daß diese lose Verbindung die Stöße eines Erdbebens bis zu einem gewissen Grad abfangen.

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Stützen:
Das typische Wohnhaus hatte eine Hauptstütze in der Mitte des Gebäudes, die das Gewicht des Daches zu tragen hatte. Diese Konstruktion erlaubte den Einsatz von Stützen, die keine tragende Funktion hatten, Diese Stützen sind aber durch ihre Stärke meist zu erkennen. Diese Konstruktion erwies sich als relativ erdbebensicher. Aber die Konstruktion eines Hauses um eine Mittelstütze herum hat nach Atsushi Ueda (The inner harmony of the Japanese House) noch einen anderen Grund: Die älteste Japanische Religion basiert auf dem Glauben, dass die Bäume heilig sind. Es wurde geglaubt, dass die Götter mit Hilfe der Bäume (yorishiro) zur Erde gelangen würden. Deshalb wurden Bäume, die vom Blitz getroffen wurden zu heiligen Stätten. Später wurde in fast jedes Haus ein Yorishiro eingebaut, der die Konstruktion des Hauses sicherte.

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Dächer:
Das Dach hatte in Japan wegen dem regnerischen Wetter immer eine besonders große Bedeutung. Eigentlich kann man sagen, dass der einzige Schutz den ein Japanisches Wohnhaus vor dem Wetter bietet, durch das Dach entsteht. Das Dach war in der traditionelle Japanischen Architektur sehr großzügig bemessen. Es hatte große Dachüberstände, die sogar teilweise den Regen zunächst auf ein anderes Dach leiteten, bevor das Wasser den Boden erreichte.

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Wände:
Das Wort Wand wurde von China nach Japan importiert. Die Wand, so wie wir sie definieren, spielte in der traditionellen Japanischen Architektur keine Rolle. Die "Japanische Wand" war nur ein Raumteiler oder ein Sichtschutz - sie diente weder dem Kälte- bzw. Wärmeschutz, noch dem Schallschutz. Sie bestand aus Bambus, Holz und Lehm. Außerdem wurde der Shoji als Raumteiler und als Außenwand benutzt. Der Shoji besteht aus einer Holzrahmenkonstruktion, die mit festem Transparentpapier (Shoji Papier bzw. Washi) bespannt wird.

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Türen:
In Japanischen Wohnhäusern hatte die Tür aufgrund der Verbindung zwischen Außen und Innen nicht die Bedeutung wie in Europa, wo die Tür als sichere Öffnung für ein ansonsten vollkommen unzugängliches Gebäude dient. Das Japanische Wohnhaus hat mehrere Türen, die man auch als Schiebewände bezeichnen könnte. Auch hier wird der Shoji verwendet, der als eine Art Schiebetür bzw. Schiebewand dient. Dadurch entsteht der offene Charakter eines Japanischen Wohnhauses.

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Fenster:
Le Corbusier sagte einmal;" Die Europäische Architekturgeschichte ist eine Geschichte über den Kampf mit dem Fenster." Atsushi Ueda stellt in seinem Buch die These auf, daß die Japanische Architekturgeschichte eine Geschichte über den Kampf mit der Stütze ist. Das Japanische Wort "mado" bedeutet "der Raum zwischen zwei Stützen" und war deshalb in der Bedeutung nicht weit entfernt von der Definition einer Tür. Der Gebrauch eines Fensters zur Lichtregulierung kam von China nach Japan, wo Chinesische Mönche sie in dunkle Buddhistische Tempel einbauten, um ihre Schriften schreiben und lesen zu können. Das erste Japanische Fenster wurde das "shitomido", das durch ein nach oben geklapptes starres Holzgitter geöffnet wurde. Das "shitomido" wurde vorher auch als Tür genutzt, als Fenster wurde es nur mit einer Brüstung versehen.

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Shoji und Fusuma:
Shoji ist ein Holzskelett mit verschiedenen oder gleichen rechtwinkligen Unterteilungen, das von einer Seite mit transparentem Papier (Washi) bespannt ist. Heutzutage wird anstatt des Papiers meist Milchglas in die Rahmen eingesetzt. Der Shoji wird als Schiebetür und Schiebefenster eingesetzt. Der Shoji kam in der Heian Zeit (784-1184) von China nach Japan. Die Chinesen hatten den Shoji aber nur als Raumtrenner benutzt. Die Japaner benutzten den Shoji, um ein Haus möglichst flexible unterteilen zu können. Der Shoji wurde aber auch als Außenwand benutzt. So war es möglich, die Helligkeit in den Innenräumen zu kontrollieren, aber trotzdem einen Sichtschutz zu behalten. Der Fusuma läßt im Gegensatz zum Shoji kein Licht durch. Der Fusuma ist ein Holzskelett, das von beiden Seiten mit undurchsichtigem Papier beklebt wird.

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Boden:
In Japan gab es in den Wohnhäusern bis zum Ende des letzten Jahrhunderts noch Fußböden aus Erde und Stroh, obwohl die Oberklassen schon seit ca. 1000 Jahren einen Fußboden besaß, der durch Stützen von der Feuchtigkeit des Naturbodens geschützt wurde. In Japanischen Wohnhäusern gibt es einen abgestuften Übergang zwischen Außen und Innen, sie machen jedoch einen großen Unterschied zwischen dem geschützten und dem ungeschützten, oder dem sauberen und dem unsauberen Boden. Die Japaner haben die Gewohnheit, sich vor dem Betreten eines Hauses die Schuhe auszuziehen, damit der Straßendreck nicht in den Wohnbereich getragen wird. Die Europäer, die sich zwar mit ihren Steinhäusern von der Natur fast total abschotten, laufen oft mit ihren Straßenschuhen bis ins Schlafzimmer.

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Tatami:
Die Tatami Matte besteht aus einer ca. 5 cm dicken Schicht aus gepreßtem Reisstroh und einem Überzug aus dünnem Ried. Die Seiten werden durch ein umlaufendes Stoffband geschützt. Tatami Matten sind ca. 90 cm breit und 180 cm lang und sind somit auf die durchschnittliche Körpergröße eines Menschen abgestimmt, obwohl die Länge und Breite um ein paar Zentimeter von Region zu Region variieren können. Die Tatami Matte wurde genau wie der Shoji in der Heian Zeit zum ersten Mal benutzt. Die Tatami Matte, die bis heute sehr stark mit der Japanischen Kultur verbunden wird, wurde entwickelt, um das Sitzen auf dem Holzboden angenehmer zu machen. Zunächst wurde die Tatami Matte als Möbel genutzt und dort eingesetzt, wo sie gebraucht wurde, bevor sie dann im 15 Jh. auch als Fußbodenbelag in den Häusern der Samurai eingesetzt wurden. Die Tatami Matte gilt heute noch als Modul für die Größe eines Raumes. Wenn ein Raum mit Tatami Matten ausgelegt wird, muß dieser frei von Möbeln gehalten werden, weil die Tatami Matten sehr druckempfindlich sind. Das ist auch ein Grund, warum die Japaner bis heute möglichst viele Sachen in Wandschranke verstauen. Auch ein Tisch wird nach dem Gebrauch wieder an einen sicheren Ort gestellt, um den Boden möglichst frei und sauber zu halten.

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Der Alkoven (tokonoma):
Der Alkoven ist ein Teil des Wohnraumes und befindet sich meist in einer Ecke. Der Platz, den ein Alkoven einnimmt ist unterschiedlich; seine Tiefe liegt meist bei ca. 50 - 70 cm, seine Breite reicht von ca. 50-70 cm bis zur gesamten Wandlänge. Der Boden des Alkoven ist um ca. 10-15 cm vom Fußboden angehoben. Außerdem hat der Alkoven meist noch einen Überhang, der sich über dieser Stufe befindet. Der Alkoven ist der einzige Ort in einem traditionellen Japanischen Wohnhaus an dem Dekorationsgegenstände ausgestellt werden. Er wurde aber auch als eine Art Schrein benutzt, um spirituelle Gegenstände zu plazieren. Der Gast wird in einem Japanischen Haus immer in die Nähe des Alkoven gesetzt, um Ihm Respekt zu erweisen.

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Das Teehaus:
Die Teezeremonie ist eine Japanische Tradition, die sich bis heute gehalten hat. Der Tee - ein Japanischer grüner Tee wird in Schalen serviert, wobei ein bestimmtes Ritual bei der Zubereitung und beim Genießen des Tees eingehalten werden muß. Die einzige Funktion eines Teehauses besteht darin, der Teezeremonie einen Rahmen geben. Es ist integriert oder abgetrennt von einem Gebäude und hat eine Größe von ca. 3 - 6,5 m2. Bei den traditionellen Japanischen Teehäusern gelangt der Besucher durch eine kleine Öffnung von ca. 70 x 70 cm in den Raum. Diese kleine Öffnung soll den Übergang in eine andere Welt - die Welt der Teezeremonie - besonders deutlich machen. Sogar Adelige mußten durch diese kleine Öffnung kriechen und Samurais mußten ihre Schwerter draußen lassen. Das Teehaus stellt wie der Japanische Garten einen Mikrokosmos dar, in den die Menschen sich von der Alltagswelt zurückziehen können. Durch die Enge und die relativ wenigen und kleinen Fenster wird eine intime Atmosphäre erzeugt.

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